Konzert 10 - Martin Schmeding

Erleben Sie das ZEHNTE Orgelkonzert am Dienstag, den 07.09.2021 um 20:15 Uhr mit Martin Schmeding (Leipzig). Programm hier online erhältlich.
Kartenvorverkauf erforderlich: online oder im c-punkt Münsterforum

Programm

 
Percy Whitlock (1903-1946)
Aus “Four Extemporisations”: Fanfare
 
Dezsö Antalffy-Zsiross (1885-1945)
Spielende Faunen (Scherzo nach Arnold Böcklin)
 
Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847)
Ouvertüre „Die Hebriden“ (oder „Die Fingalshöhle“) Op. 26 MWV P7
(Bearbeitung: Martin Schmeding)
 
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Johann Sebastian Bach (1685-1750)
Fantasie und Fuge g-Moll BWV 542

Otfried Büsing (geb. 1955)
Polychromie (Chaconne) 
 
Julius Reubke (1834-1858) 
Sonate c-Moll „Der 94. Psalm“   
Grave – Larghetto – Allegro con fuoco – Grave – Adagio – Lento – Fuga (Allegro) – Allegro assai
 
 
Zum Programm
Der Beginn des Konzerts, gespielt an der symphonischen Michaelsorgel des Freiburger Münsters, ist von zwei notierten Improvisationen geprägt:
Percy Whitlock zählt zu den bedeutendsten englischen Komponisten und Organisten des 20. Jahrhunderts. Der u.a. von Charles Villiers Stanford und Ralph Vaughn Williams ausgebildete Musiker war zu seiner Zeit v.a. für seine Improvisationskunst bekannt. Er verband vier dieser „Extemporisationen“ zu einem Zyklus kürzerer Stücke.

Eine charakteristisch-festliche Fanfare umrahmt einen elegisch-kantablen Mittelteil – dabei wird in typisch englischer Weise ausführlich von den unterschiedlichsten Zungenstimmen der Orgel Gebrauch gemacht, besonders von dem Hochdruckregister Tuba, das auch in der Michaelsorgel vorhanden ist.
Der ungarische Reger- und Bossi-Schüler Dezsö Antalffy-Zsiross emigrierte 1921 in die USA und wurde organist der berühmten, neu errichteten Radio City Hall. Dort improvisierte er vor einem riesigen Publikum regelmäßig in unterschiedlichsten, auch populären Musikstilen. Eines seiner bekanntesten und brillantesten Konzertstücke ist ein Scherzo nach einem Bild Arnold Boecklins: „Spielende Faunen“ (Sportive Fauns). Hier entwirft er eine pittoreske, impressionistische Musiklandschaft, deren motorisch-spielerische Figurationen sich von den leichtesten Flötenregistern bis zum vollen Orgelwerk steigern.
 
Auf einer seiner zahlreichen Reisen besuchte Felix Mendelssohn Bartholdy im August 1829 mit dem befreundeten Dichter Karl Klingemann die berühmte Fingalshöhle auf der Hebriden-Insel Staffa in Schottland. Da ihm die erste Fassung einer Ouvertüre, noch unter dem Titel „Die einsame Insel“, zu akademisch anmutete, schuf er 1832 eine endgültige Version, die den Hörer mehr an „Tran und Möwen“ erinnern sollte. Welche Emotionen die wilde Schroffheit der Hebriden hervorzurufen vermag, schildert der englische Dichter James Hogg eindrucksvoll:
"Dark Staffa! in thy grotto wild,
How my wrapt soul is tought to feel!
Oh! well becomes it Nature's child
Now in her stateliest shrine to kneel!
Thou art no fiends' nor giants' home -
Thy piles of dark and dismal grain,
Bespeak thee, dread and sacred dome,
Great temple of the Western Main!“
Dieser seelischen Bewegtheit kommt Mendelssohns Hebriden-Ouvertüre mit ihrem rhythmisch aufgewühlten Hauptthema, das in immer stärkeren Wogen orchestral verarbeitet und gesteigert wird, sehr nahe. Die Orgelbearbeitung des Orchesterwerks durch den Interpreten des Konzerts nutzt dabei die orchestralen Klangfarben der Freiburger Michaelsorgel.

Auch der Beginn des zweiten Konzertteils präsentiert mit Johann Sebastian Bachs Fantasie und Fuge g-Moll BWV 542 ein Orgelwerk, dessen Ursprung in einer Improvisation begründet liegt: Im Jahr 1720 soll Bach im Rahmen eines Konzertes an der prächtigen, norddeutsch-barocken Orgel von St. Katharinen in Hamburg seine Zuhörer höchst beeindruckt haben. Die vermutlich nicht gleichzeitig entstandene Fantasie zählt zu den expressivsten Orgelwerken des Meisters. In dieser Komposition im freien Stil („Stylus phantasticus“) macht Bach v.a. vom ständigen Wechsel der Tonarten und ausdrucksstarken Dissonanzen Gebrauch.
 
Das 2013 für die Rieger-Orgel der Freiburger Christuskirche geschriebene „Polychromie“ von Otfried Büsing lebt vom ständigen teilweise rasanten Wechsel der Klangfarben – „Viel-Farbigkeit“. Auf der Basis eines Bass-Gerüstes (Chaconne) ergibt sich so eine Folge spielfreudiger Variationen mit Trillern, Arpeggi, Akkordrepetitionen, rasanten Läufen, polymetrischen und -rhythmischen Takt- und Satzwechseln, die in wilden Cluster-Eruptionen ihren Höhepunkt finden.
 
Als einer seiner Lieblingsschüler gehörte Julius Reubke, Sohn des Orgelbauers Adolf Reubke, zum Weimarer Kreis um Franz Liszt. Durch seinen frühen Tod mit 24 Jahren umfasst sein Oeuvre im Wesentlichen zwei große Kompositionen: eine Klavier- und eine Orgelsonate, die in ihrem musikalischen Duktus trotz einer enormen Selbständigkeit der Ideen und Verarbeitungen die Nähe zu den Vorbildern seines Lehrers Franz Liszt nicht leugnen können.
Die Orgelsonate lässt sich als groß dimensionierte Programmmusik über den 94. Psalm, genannt „Rachepsalm“, betrachten:

Grave, Larghetto (V.1+2):
„Herr Gott, dess die Rache ist, erscheine. Erhebe Dich, Du Richter der Welt;
Vergilt den Hoffärtigen, was sie verdienen.
Allegro con fuoco (V.3,6+7):
Herr wie lange sollen die Gottlosen prahlen? Wittwen und Fremdlinge erwürgen
Sie und tödten die Waisen und sagen: der Herr sieht es nicht, und der Gott Jacobs
achtet es nicht.
Adagio (V.17+19):
Wo der Herr mir nicht hülfe, so läge meine Seele schier in der Stille. Ich hatte viel
Bekümmernisse in meinem Herzen, aber deine Tröstungen ergötzen meine Seele.
Fuga (Allegro) (V.22+23):
Aber der Herr ist mein Hort und meine Zuversicht. Er wird ihnen ihr Unrecht vergelten
Und sie um ihre Bosheit vertilgen.“

Ausgehend von einer monothematischen Anlage, unterzieht Reubke das Hauptthema vielfältigen Transformationen vom kantablen Solo bis hin zum rhythmisch prägnanten Fugenthema. Die Auswahl des Textes, der die tiefsten Abgründe menschlicher Emotionen und Gefühle offenbart und die Intensität des musikalischen Satzes, die in der Betonung chromatischer Linien und verminderter Harmonik zu extremen Ausdrucksqualitäten führt, lässt auf eine außergewöhnliche seelische Bewegtheit des jungen, bereits schwer kranken Komponisten schließen. Hinzu kommen die extremen gesellschaftlichen Entwicklungen um die Mitte des 19. Jahrhunderts mit ihrer sozialen Ungerechtigkeit, die ihr biblisches Pendant im Rachepsalm finden. 
(Martin Schmeding)
 

Zum Interpreten
Martin Schmeding
Martin Schmeding, geboren 1975 in Minden/Westfalen, studierte in Hannover, Amsterdam und Düsseldorf Kirchenmusik, Musikerziehung, Blockflöte (Konzertexamen) und Orgel (Konzertexamen), Dirigieren, Cembalo und Musiktheorie. Zu seinen Lehrern zählen u.a. Ulrich Bremsteller, Lajos Rovatkay, Dr. Hans van Nieuwkoop, Jacques van Oortmerssen und Jean Boyer. Während des Studiums war er Stipendiat der „Studienstiftung des Deutschen Volkes“.
Nach acht 1. Preisen beim Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ wurde er Preisträger u.a. beim Mendelssohn-Bartholdy-Wettbewerb Berlin, Pachelbel-Wettbewerb Nürnberg, Ritter-Wettbewerb Magdeburg, Böhm-Wettbewerb Lüneburg, Hochschulwettbewerb Hannover/Mannheim, Deutschen Musikwettbewerb Berlin, Europäischen Wettbewerb junger Organisten Ljubljana und Musica antiqua Competition Brugge. 1999 war er Finalist des ARD-Wettbewerbs München. Daneben erhielt er zahlreiche weitere Stipendien und Förderungen. 1999 wurde ihm der Niedersächsische Kulturförderpreis verliehen. 
Von 1997 bis 1999 war er Kantor und Organist der Nazareth-Kirche Hannover. Danach wirkte er an zwei der bedeutendsten kirchenmusikalischen Stätten in Deutschland: 1999 wurde er als Nachfolger von KMD Prof. Oskar Gottlieb Blarr Kantor und Organist an der Neanderkirche, Düsseldorf. Von 2002 bis 2004 hatte Martin Schmeding das Amt des Dresdner Kreuzorganisten mit einer über 700jährigen Tradition inne. Darüber hinaus war er von 2012 bis 2016 Titularorganist der Freiburger Ludwigskirche und Leiter des Kammerchores des ehemaligen Landeskantorates Südbaden.
Nach Lehraufträgen in Hannover, Leipzig, Weimar und Dresden war er  von 2004 bis 2015 Professor für Orgel an der Hochschule für Musik Freiburg als Nachfolger von Prof. Zsigmond Szathmáry. Dort leitete er auch das Institut für Kirchenmusik, das auf seine Initiative hin im Oktober 2012 gegründet wurde. An der Hochschule für Musik Luzern (Schweiz) hatte er von 2014 bis 2016 eine Gastprofessur inne. Zum Herbst 2015 übernahm er mit dem Lehrstuhl für Orgelliteratur an der Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy" Leipzig - verbunden mit der Leitung der "Europäischen Orgelakademie" - eine der traditionsreichsten Stellen seines Fachbereichs. Darüber hinaus wirkt er seit 2018 als Visiting Guest Professor am Royal Birmingham Conservatoire. Studierende seiner Orgelklasse gingen als Preisträger aus zahlreichen internationalen Wettbewerben hervor und wirken auf bedeutenden Stellen in Kirche und Hochschule.
Zahlreiche Aufnahmen für Fernsehen, Rundfunk und CD liegen vor (u.a. das Gesamtwerk für Orgel von J. Brahms, F. Mendelssohn Bartholdy, Max Reger und F. Schmidt, Ersteinspielung der Werke für Pedalflügel von Robert Schumann auf einem Originalinstrument, Orgelfassung der Goldberg-Variationen von J. S. Bach). Daneben ergänzen Noteneditionen und Publikationen in Büchern und Fachzeitschriften (u.a. Butz, Carus, Herder, Schott), Konzerte als Solist, Kammermusiker und mit Orchester im In- und Ausland (Europa, Asien und Amerika) und bei Festivals (u.a. Bach-Fest Leipzig, Thüringer Bachwochen, Braunschweiger Kammermusikpodium, Merseburger Orgeltage, Niedersächsische Musik- und Orgeltage, Festspiele Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein- Musikfestival), das Unterrichten bei nationalen und internationalen Meisterkursen und die Tätigkeit als Wettbewerbsjuror, Dirigent und Komponist sein künstlerisches Profil.
2009 und 2017 wurde er mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik (Bestenliste) ausgezeichnet. Mit dem Gewinn des "Echo Klassik 2010" als Instrumentalist des Jahres erhielt Martin Schmeding für seine Einspielung „J. S. Bach: Goldberg-Variationen (Orgelfassung)“ einen der bedeutendsten internationalen Musikpreise. 2017 wurde er unter mehr als 2000 Nominierten von 250 deutschen Hochschulen von der UNICUM-Stiftung (Schirmherrschaft Bundesbildungsministerium) als Professor des Jahres (Geistes- und Kulturwissenschaften) ausgezeichnet.