Programm
Johann Sebastian Bach (1685–1750)
Toccata E-Dur, BWV 566
Bengt Hambraeus (1928–2000)
Extempore
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Johann Sebastian Bach
Canonische Veränderungen über „Vom Himmel hoch“ BWV 769
Franz Danksagmüller (* 1969)
CM - Turm aus Licht (Uraufführung)
Johann Sebastian Bach
Präludium und Fuge C–Dur, BWV 547
Zum Programm
Franz Danksagmüllers Engagement, die Orgel in unserer Zeit facettenreich zu präsentieren, reicht weit über das Komponieren, die Interpretation und die Improvisation hinaus. In seiner künstlerischen Arbeit führt er diese Kulturtechniken zusammen und kombiniert die Orgel etwa mit Live-Elektronik, Licht-Effekten und natürlich mit Musik-Ensembles jeglicher Art. Dabei ist ihm das Zusammentreffen von klassischen und historischen Phänomenen mit zeitgenössischen Mitteln besonders wichtig. – Eine Uraufführung und ein Werk von Bengt Hambraeus als Klassiker der neuzeitlichen Orgelliteratur zwischen drei gewichtigen Werken Johann Sebastian Bachs anzuordnen, zeigt, wie sehr Franz Danksagmüller daran liegt, Brücken zwischen den Epochen zu bauen. Dies verbindet ihn wiederum mit dem Geist des Thomaskantors, der vermeintliche Grenzen sprengte und nach Neuem strebte, wo immer dies möglich war. Stets fasziniert, wie Bach aus wenigen Tönen unendlich viel Musik zaubert.
In der groß angelegten E-Dur-Toccata rahmen die nach norddeutschen Vorbildern mit virtuosen Pedalsoli angereicherten freien Teile zwei veritable Fugen ein. Ihre Soggetti sind aus nur einem Thema entwickelt, das obendrein noch sequenziert, mithin lediglich die Mikrostrukturen von kurzen Tonfolgen mehrfach nutzt: Dreiklang abwärts plus Umspielung eines Gerüsttons. Bereits die unterschiedliche Taktart der beiden Fugen sorgt für eine unterschiedliche Wahrnehmung der Grundfigur.– Ein aufsteigender Terzgang, dreifach verkettet, und ein abfallendes Bassmotiv sind die Keimzellen des beschwingten C-Dur-Präludiums mit all seinen Spiegelungen, Umkehrungen und Kombinationen. Das Fugenthema ist schon zu Ende, ehe es richtig begonnen scheint; es besteht de facto nur aus einer verzierten Modulation. Sie genügt für ausgedehnte, ungemein dichte, wenngleich in den ersten zwei Dritteln geringstimmige und pedallose Durchführungen. Erst gegen Ende tritt in gedehnten Werten des Themas das Pedal hinzu und vervollständigt akustisch das Stück.
Vollends auf die Spitze getrieben hat Bach seine aleatorischen Spiele mit einem Minimum an Ausgangsmaterial in den Canonischen Veränderungen. Waren zuvor Kanons in Quint- oder Quartabstand üblich, so erscheinen sie hier gar im Sekundabstand. Dabei klingt die Begleitmusik so federleicht wie die beliebte Melodie selbst, die gerade einmal vier kurze, schlichte und überaus sangliche Zeilen umfasst. Nichts Besonderes – könnte man meinen!
In Extempore von Bengt Hambraeus werden Zitate (z. B. aus dem 2. Satz von Bachs Triosonate G-Dur oder aus der Melodie des Te Deum) in ein Feld von neumenartiger Notation eingebettet. Wie einer komprimierten Computerdatei entfaltet sich das Werk in dynamischer und zeitlicher Ausdehnung sowie in seinen Klangfarben im Vorgang des Interpretierens, des Extemporierens.
(Dr. Markus Zimmermann)
"CM - Turm aus Licht" entstand zur 900 Jahr-Feier der Stadt Freiburg und wurde von Michael Groß in Auftrag gegeben. Dementsprechend lautet der Titel "CM" (nongenti) - lateinisch für 900. Der "Bauplan" der Komposition korrespondiert mit dem Aufbau des Westturms des Freiburger Münsters: dessen Höhe von 210 Ellen entsprechen den 210 Takten des Stücks, ebenso spielt der goldene Schnitt (130 zu 80 Ellen bzw. Takte) eine wichtige Rolle. Bis zu diesem Punkt baut sich Schritt für Schritt eine Art gregorianisches Organum auf, das sich danach steil nach oben auftürmt. Auch die Glockenklänge des Münsters spielen eine zentrale Rolle: deren Töne und Obertöne bilden die klangliche Grundlage einer Art “Sphärenharmonie”, die immer wieder durchscheint und die den Beginn und das Ende der Komposition bestimmt.
(Franz Danksagmüller)
Zum Interpreten
Der Komponist und Organist Franz Danksagmüller vereint in seinen innovativen Projekte, Kompositionen und Live-Elektronik Performances ein weites künstlerisches Spektrum. In seiner Arbeit lotet er die Verbindung von historischer und neuer Musik, von klassischen Klangkörpern und neuesten elektronischen Instrumenten immer wieder neu aus.
Franz Danksagmüller ist sowohl solistisch als auch in unterschiedlichen Besetzungen tätig.
In den vergangenen Jahren gastierte er als Organist und Performer u.a. in der Elbphilharmonie in Hamburg, im Konzerthaus Berlin, im Palace of Arts in Budapest, im Orgelpark in Amsterdam, beim Organ Festival Holland in Alkmaar, Festival Musica Sacra in St. Pölten und beim Sinus Ton- Festival in Magdeburg.
Seine Kompositionen wurden u.a. beim “Wettbewerb um den Paul Hofhaimer-Preis” in Innsbruck, beim International Organ Festival in Alkmaar, beim Rainy Days Festival in der Philharmonie Luxemburg und beim Carinthischen Sommer in Ossiach (Österreich), bei den Silbermann- Tagen in Freiberg und beim Echowettbewerb in Treviso aufgeführt.
In genreübergreifenden und interdisziplinären Projekten arbeitet er mit Wissenschaftlern und unterschiedlichen Künstlerpersönlichkeiten zusammen, u.a. mit dem Bass-Bariton Klaus Mertens, der Komponistin und Erfinderin von “Kyma" Carla Scaletti und dem Duduk-Spieler Gevorg Dabaghyan. Zusammen mit dem Saxophonisten Bernd Ruf entstand 2016 das Projekt buxtehude_21, in dem die Musiker mit ihren „Komprovisationen“ eine spannende Brücke von der Barockmusik in die Gegenwart bauen. Das Projekt wurde von der Kritik als „mitreißendes Klangabenteuer“ gefeiert. In dem Musiktheater „Just Call Me God“ mit John Malkovich in der Hauptrolle arbeitete Franz Danksagmüller mit Martin Haselböck zusammen. Das Ensemble gastierte 2017 u.a. in der Hamburger Elbphilharmonie, im Konzerthaus Wien, im Concertgebouw Amsterdam, in Union Chapel in London im House of Music in Moskau. In seinen jüngsten Projekten verbindet er seine Kompositionen mit Visualisierungen und Filmaufnahmen. Dazu zählen „sounding science” – mehrere, auf wissenschaftlichen, mathematischen und demographischen Daten basierte Kompositionen, „broken Bach”- ein Live - Remix von barocker Musik für Orgel und Live-Elektronik, sowie „dávny”, eine Komposition aus Klängen und Bildern von verlassenen Orten und zerstörten Instrumenten.
Franz Danksagmüller studierte Orgel, Komposition und elektronische Musik in Wien, Linz, Saarbrücken und Paris. Zu seinen Lehrern zählen Michael Radulescu, Daniel Roth, Erich Urbanner und Karlheinz Essl. 1994 erhielt er den Würdigungspreis des Österreichischen Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung, und wurde bei mehreren internationalen Wettbewerben ausgezeichnet. Er konzertierte u.a. mit den Wiener Symphonikern, der Camerata Salzburg, den Berliner Symphonikern, den Hamburger Symphonikern, dem Orchestra of Birmingham, dem RSO Wien, dem Ensemble die Reihe und dem Arnold Schönberg Chor und arbeitete mit namhaften Dirigenten zusammen, u. a. mit Sir Simon Rattle, Michael Schønwandt, Erwin Ortner und Ton Koopmann.
Von 1995 bis 2003 wirkte Franz Danksagmüller als Dozent an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien. Von 1999 bis 2005 war er Organist und Komponist am Dom in St. Pölten (Österreich), seit 2005 ist er Professor für Orgel und Improvisation an der Musikhochschule Lübeck. Als Juror ist er bei bedeutenden Orgelwettbewerben tätig, u.a. in Haarlem, Alkmaar, Lübeck und St. Albans. Seit 2015 ist er Gastprofessor an der Musikhochschule in Xi´an in China, seit September 2018 Gastprofessor an der Royal Academy of Music in London.